Adolphe Biarent (1871-1916) verbrachte fast sein ganzes Leben in der wallonischen Industriemetropole Charleroi, die später als „hässlichste Stadt der Welt“ verunglimpft und in unseren Tagen zum postapokalyptischen Experimentierfeld umfunktioniert wurde. Er suchte selten Kontakt zu den woanders agierenden Wortführern der Kulturszene, hinterließ nur etwa zwei Dutzend Kompositionen und starb mit 44. Eigentlich passende Voraussetzungen, um von der Musikwelt schnellstmöglich und endgültig vergessen zu werden. 110 Jahre nach Biarents Tod zeigen der Cellist Romain Dhainaut und der Pianist Rafael Theissen aber, warum er trotzdem unsterblich wurde.
Am Anfang und auch im Mittelpunkt ihrer Hommage steht die Cellosonate in fis-Moll, die Adolphe Biarent 1914/15 zu Papier brachte. Das aufrüttelnde Werk ist Ausdruck der Angst und Verzweiflung, die der Komponist angesichts der Gewaltexzesse des Ersten Weltkriegs und der schweren Verbrechen empfand, welche die deutsche Armee während ihres Einmarsches in das neutrale Belgien verübte.
Dem zerklüfteten Eingangssatz lässt Biarent die diabolische Motorik eines „Presto furioso“ folgen, ehe das fahle Lamento quälend langsam zu einer vagen Melodielinie findet. Wütend, vorwärtspeitschend, wieder zurückdrängend und hier und da einen Schimmer Hoffnung durchlassend beschließt ein aufreibendes Finale die Sonate, die zweifellos sehr viel häufigere Aufführungen und Aufnahmen verdient hätte.

Mit drei Weltersteinspielungen schlägt Rafael Theissen dann einen ganz anderen Ton an. Die wundervollen, ja bezaubernden Klavierstücke „Sérénade“, „Nocturne“ und „Sonnet“ aus den Jahren 1903 bis 1906 sind eher mit Schubert und Liszt als mit der ein Jahrzehnt später entstandenen Cellosonate ihres eigenen Komponisten zu vergleichen. Auch in seinem letzten Werk „Huit Mélodies“ erweist sich Adolphe Biarent als grandioser Stimmungskünstler. Durch die spätromantischen Partituren schimmert oft ein Streifen Impressionismus, den Romain Dhainaut und Rafael Theissen – hier so energisch, sensibel und stilvoll musizierend wie auf dem gesamten Tonträger – mal zum Schimmern, mal zum Glänzen bringen.
Über die Entscheidung für eine kammermusikalische Version der „Huit Mélodies“ kann gleichwohl diskutiert werden, denn neben dem Mezzosopran fehlt ihr naturgemäß auch der literarische Aspekt der Texte von Henri Cazalis (Jean Lahor), Maurice Materlinck oder Paul Verlaine. Dass es sich hier um eine diskographische Großtat handelt, duldet dennoch keinen Zweifel. Vielleicht lenkt sie den Blick auch wieder auf die reizvollen Orchesterwerke von Adolphe Biarent. Die letzte Einspielung, etwa der farbenreichen „Contes d‘ Orient“, liegt schließlich schon wieder rund zwei Jahrzehnte zurück. Der (freilich kaum ernst gemeinten) Empfehlung von Vincent d´ Indy, der Biarents Musik als zeitüberdauerndes Wunder pries, das man einfach schlafen lassen solle, möchten wir uns jedenfalls ausdrücklich nicht anschließen.
Adolphe Biarent: Werke für Cello und Klavier, Pavane


