Im dritten Teil der Seamus Heaney-Reihe setzt sich der Autor mit den Widersprüchlichkeiten von Anwesenheit und Abwesenheit sowie von Last und Befreiung auseinander, die in den Gedichten von Heaney und insbesondere in den Aufnahmen seiner Lesungen in eine spannungsreiche Beziehung gesetzt werde. (Die folgenden Pfeile führen zum ➤ ersten und ➤ zweiten Teil der Serie.)
In den Gedichten, die sich mit dem Tod in der Familie auseinandersetzen (denn es gibt auch andere, politischere Formen des Todes, vor allem in Heaneys Auseinandersetzung mit dem Nordirlandkonflikt), zeigt sich die phänomenologisch-affektive Seite von Seamus Heaneys Studiolesungen besonders – auch weil in ihnen der verstorbene und so abwesende Dichter durch seine Stimme vergegenwärtigt wird. Es ist, als ob die Sprache aus dem Tod heraustritt und nach dem „langen Schweigen“, von dem Yeats spricht, ohne Umwege in unser Ohr und unser Herz gelangt.
Heaney beschreibt diese besondere Kraft, die der dichterischen Sprache zu eigen ist, in seinem Essay „Auden Ausloten“ [Sounding Auden]. Ihr wohnte eine besondere „poetische Autorität“ („poetic authority“) inne „kraft ihrer Tonalität, ihres Einflusses über das tiefe Ohr and darüber über die anderen Teile unseres Geistes und unserer Natur“ („by virtue of its tonality, the sway it gains over the deep ear, and through that, over other parts of our mind and nature.”) Daher „könnte Dichtung als magische Beschwörung angesehen werden – grundlegend eine Frage von Klang und der Kraft des Klangs unsere körperlichen und geistigen Ahnungen in einem akustischen Komplex zu binden“ („poetry could be regarded as magical incantation, fundamentally a matter of sound and the power of sound to bind our minds‘ and bodies‘ apprehensions within an acoustic complex.“)
Den Kometenschaft im Ohr
Sprache als eine Art der magischen Beschwörung bekommt angesichts des Todes noch einmal eine andere Dringlichkeit. Besonders schön kommt diese Magie nicht nur im Klang, sondern auch im Inhalt von Heaneys Gedicht „Der Wunschbaum“ („The Wishing Tree“) zur Wirkung, das seiner Schwiegermutter Eileen Devlin gewidmet ist und aus dem Band „Die Hagebuttenlaterne“ („The Haw Lantern“) von 1987 stammt:
Ich sah in ihr den Baum der Wünsche – tot
Und in den Himmel, Stumpf und Stiel, gehoben,
Behängt mit einem Schwall von allem, was bis eben
Not um Not um Not in seine Kraft,
Splintholz und Borke trieb: Geldstücke, Nadeln, Stift
Entströmt ihm wie ein Kometenschaft
Neugemünzt und zergangen. Ich hatte eine Vision –
Ein hohes Zweig-Haupt steigt durch feuchte Wolkenwand
Aufschauender Gesichter, wo der Baum sonst stand.I thought of her as the wishing tree that died
And saw it lifted, root and branch, to heaven,
Trailing a shower of all that had been driven
Need by need by need into its hale
Sap-wood and bark: Coin and pin and nail
Came streaming from it like a comet-tail
New-minted and dissolved. I had a vision
Of an airy branch-head rising through damp cloud,
Of turned-up faces, where the tree had stood.
Schon der „Wunschbaum“ des Titels transportiert uns in eine Welt voller magischer Möglichkeiten. Der Sprecher sieht diesen Baum „in ihr“ – und die Stelle der Frau in dieser Vision können wir als Zuhörer selbst füllen. Für mich wird sie von meiner eigenen Mutter eingenommen. Seamus Heaneys Lesung macht deutlich, wie sehr diese Frau ihr ganzes Leben lang von den Wünschen anderer bombardiert wurde. Mit gnadenlos hartem und direktem Ton treibt sie die ganzen Anliegen von Freunden und Familie in der von klanglich harten Konsonanten dominierten Metapher von „Coin and pin and nail“ (weniger deutlich im Deutschen „Geldstücke, Nadel, Stift“) durch die dreimalige Wiederholung von „Need by need by need“ („Not um Not um Not“) in die Haut der Frau als Baum ein.

In einem Widerhall von Rilkes „Der Apfelgarten“, dessen Bedeutung in Bezug auf meine Mutter ich ➤ im ersten Artikel genauer untersucht habe, sind wir hier mit einem Leben konfrontiert, das scheinbar nur „dienend, voll Geduld“ ist. Hier erscheint der Sarkasmus der Frage „Gibt´s ein Leben vor dem Tod“ („Is there a life before death?“), die Heaney an anderer Stelle in dem Gedicht „Was immer du sagst, sage nichts“ [„Whatever You Say Say nothing“) stellt, eine bittere Realität. Doch in der „Vision“ des Sprechers von „Der Wunschbaum“ muss es nicht dabei bleiben. Das Hämmern der plosiven Konsonanten weicht den zischenden Sibilanten von „streaming“ (teilweise präsent in der Übersetzung „entströmt“) deren Wirkung dann in „dissolved“ („zergangen“) kulminieren. Die verletzenden und belastenden Wünsche werden auch in der Sprache verwandelt, können hinter sich gelassen werden, erscheinen noch einmal neu und schön („neugemünzt“) und lösen sich dann endgültig auf. Befreit steigt die Frau-als-Baum in den Himmel auf.
In diesem Moment voller Großmut wird weder das Belastende der Anforderungen verborgen noch ihre eigenständige Berechtigung negiert; vielmehr wird der Zustand des Wunschbaumes in eine andere Bewusstseinsebene gehoben. Heaney erreicht hier das, was er in seiner Nobelpreisrede von „unentbehrliche[r] Dichtung“ [„necessary poetry“] fordert, „nämlich an die Wurzel unserer mitfühlenden Natur zu rühren und dabei gleichzeitig die teilnahmslose Natur der Welt einzuschließen, der diese Natur ständig ausgesetzt ist“ („which is to touch the base of our sympathetic nature while taking in at the same time the unsympathetic nature of the world to which that nature is constantly exposed.“)
Begegnungen im Raum der Sprache
Heaney hören bedeutet also in Bezug auf die mit dem Tod befassten Gedichte auf der einen Seite, Raum für das Dunkle zu schaffen, in der man sich selbst auf die existenziellste Art begegnen kann. Heaney drückt dies in „Privater Helikon“ („Personal Helicon“) so aus: „Ich mache einen Reim, / Um mich zu sehen, ein Echo zu rufen in der Nacht.“ („I rhyme / To see myself, to set the darkness echoing.”) Auf der anderen Seite offenbart dieses Hören im Dunklen und in der uns umgebenden Stille des Klangraums, den die Aufnahmetechnik geschaffen hat, durch den bis auf der basalsten, körperlichsten Ebene wirksamen Rausch des Klangspiels von Reimen und Rhythmus, Konsonanten und Vokalen auch einen Raum der Freude.

Die Evokation der Vergangenheit durch die Stimme schafft eine neue Präsenz in der „der Vogel ganz dicht / An der Musik des Geschehenden singt“ („the bird sings very close / To the music of what happens“). So erinnere ich mich auch mithilfe von Heaneys Gedichten mit großer Wärme an meine Mutter – eine Frau, die zu jedem Stichwort ein Lied auf den Lippen hatte:
Die Leute glaubten früher,
daß Seelen Ertrunkener in den Robben lebten.
Bei Springfluten könnten sie die Gestalt wechseln.
Sie liebten Musik und schwammen herein, eines Sängers wegen,
der vielleicht am Ende des Sommers
im Eingang eines getünchten Torfschuppens stand,
seine Schultern am Türpfosten, sein Lied
ein Ruderboot, weit draußen im Abend.
Als ich zum erstenmal hierher kam, sangst du immer,
[…]
Wir glauben noch immer, was wir hören.People here used to believe
that drowned souls lived in the seals.
At spring tides they might change shape.
They loved music and swan in for a singer
who might stand at the end of summer
in the mouth of a whitewashed turf-shed,
his shoulder to the jamb, his song
a rowboat far out in evening.
When I came here first, you were always singing,
[…]
We still believe in what we hear.
Der abschließende Artikel dieser Reihe über „Heaney hören“ wird sich daher noch einmal genauer dieser lebensbejahenden Kraft gerade der mit Sterben und Tod beschäftigten Gedichte und Lesungen widmen.
Textnachweise (Übersetzungen der Heaney-Texte durch den Autor, so nicht anders erwähnt) Seamus Heaney, The Government of the Tongue, London 1988 / Seamus Heaney, Ausgewählte Gedichte, Deutsch von Giovanni Bandini und Ditte König, München und Wien 1995 / Seamus Heaney: The Poems of Seamus Heaney, London 2025 / Seamus Heaney: Collected Poems, CD-Box. Dublin 2009 / Seamus Heaney, Norden, Deutsch von Richard Pietraß, München und Wien 1996 / Seamus Heaney, Die Amsel von Glanmore. Gedichte 1965-2006, Nobelpreisrede übersetzt von Uli Aumüller, Personal Helicon übersetzt von Henriette Beese, Song und The Singer’s House übersetzt von Giovanni Bandini und Ditte König, Frankfurt a.M. 2011 / Seamus Heaney, Crediting Poetry. Nobel Lecture, Stockholm 1995, ➤ Link zur Rede


