„Seltsam, was uns Angst macht, ist ein großes Nichts“

Nachdem ➤ im ersten Beitrag des Projekts „Heaney Hören“ ein subjektiv-emotionales Interpretationsfundament geschaffen wurde, geht der zweite Artikel genauer auf die klanglichen Qualitäten der Aufnahmen ein. Dies beinhaltet sowohl technische und phänomenologische Überlegungen als auch eine konkrete auditive Auseinandersetzung mit dem vielleicht beliebtesten Gedicht von Seamus Heaney, das seiner verstorbenen Mutter gewidmet ist. Der Tod, der in dem im Titel zitierten Satz aus dem Gedicht „Sturm auf der Insel“ („Storm on the Island“) anklingt, durchzieht dabei weiterhin die gesamte Unternehmung.

Heaney hören – das bedeutete für mich meistens ein konzentriertes Lauschen im Sessel im Arbeitszimmer, Gedichtbände und Notizbuch zur Hand. Aber auch im Alltag begleitete mich Seamus Heaneys Stimme, zum Beispiel bei Autofahrten in Westfalen zu meinem Vater oder im Urlaub vor einigen Jahren in Ostengland. Umso erfreuter war ich zu lesen, dass Heaney selbst Lyrik-CDs beim Fahren gehört hat: „Ich bin von Süd-Derry nach Süd-Dublin gefahren, allein in meinem Auto, (…) aber ich hatte das Glück, auch von deiner Stimme und den Gedichten auf den CDs geführt zu werden“ („I drove from South Derry to South Dublin, on my own in my car […] but I was lucky to be led on also by your voice and those poems on the CDs“), schrieb er an den schottischen Politiker und Lyriker Grey Gowrie am 8. April 2010. Heaney betonte in diesem Zusammenhang, wie wirkmächtig diese Form des Zuhörens sein kann:

Als ich diese speziellen Gedichte laut vorgelesen hörte, kam mir der Gedanke, dass Bücher mit CDs herausgebracht werden sollten – aber dann habe ich mich daran erinnert, dass die Stimme, der ich zuhörte, übernatürlich begabt ist und dass anderen zuzuhören genauso wahrscheinlich zu einem Pfui wie zu einem Hui führt.

Hearing those particular poems read aloud made me think that books ought to be issued with CDs – but then I remembered that the voice I was hearing is preternaturally gifted and that listening to others is as likely to produce […] ‘a hash’ as a high.

Die auf den sechzehn CDs der RTÉ-Aufnahme gebannten Gedichtlesungen von Heaney sind Zeugnis genug, dass auch seine Stimme „übernatürlich begabt“ ist. Sie nimmt mich in jeder Situation in ihren Bann, sei es konzentriert im Arbeitszimmer oder nebenbei bei einer solch alltäglichen Tätigkeit wie dem Kartoffelschälen – gerade, wenn das Gedicht wunderbarerweise noch genau dazu passt:

Wenn alle anderen fort zur Messe waren,
Gehörte ich ganz ihr beim Kartoffelschälen.
Sie brachen das Schweigen, einzeln fallengelassen
Wie Lötzinn-Tropfen, die vom Kolben tränen. […]
So sah ich, als der Pfarrer an ihrer Seite
Sterbegebete wie ein Wilder zitierte,
Und manche weinten, manche respondierten,
Wieder ihren Kopf, der sich zu meinem neigte,
Ihren Hauch in meinem, die flinken nassen Klingen –
Nichts konnte uns je einander näher bringen.

When all the others were away at Mass
I was all hers as we peeled potatoes.
They broke the silence, fell one by one
Like solder weeping off the soldering iron. […]
So while the parish priest at her bedside
Went hammer and tongs at the prayers for the dying
And some were responding and some crying
I remembered her head bent towards my head,
Her breath in mine, our fluent dipping knives –
Never closer the whole rest of our lives.

Seamus Heaney gedenkt in diesem Gedicht aus dem Band „Die Hagebuttenlaterne“ („The Haw Lantern“) aus dem Jahr 1987 seiner drei Jahre zuvor verstorbenen Mutter Margaret Kathleen Heaney. Und auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, mit meiner Mutter Kartoffeln geschält zu haben, bringt die Stimme des toten Dichters nicht nur sich selbst mit in die Gegenwart; sie erschafft auch einen Moment zeitloser Präsenz, in dem Raum ist für die Erinnerungen an und Gefühle zu meiner Mutter, mit allen Parallelitäten und Unterschieden.

Es ist ein intimer Moment, den Heaneys Stimme und ich, den meine Mutter und ich hier teilen, und Christopher Reid betont zu Recht, dass „die aufgezeichneten Gedichte nicht so sehr deklamiert, sondern vielmehr dem Hörer anvertraut wurden“ („The recorded poems are not so much declaimed as confided to the listener“).

Stimme als Vermächtnis

Hören wir also einmal genauer auf die besonderen Klangqualitäten von Heaneys Lesungen, die eine solche Situation des Anvertrauens möglich machen und die insbesondere das Hören derjenigen seiner Gedichte, die sich mit Tod und Familie auseinandersetzen, zu einem solch intensiven Erlebnis machen. Fünfzehn der sechzehn CDs, die in der von RTÉ produzierten Box „Seamus Heaney: Collected Poems“ enthalten sind (insgesamt zwölf Stunden Lesung), wurden 2008 über den Zeitraum eines Jahres im Studio aufgenommen. Alex Alonso betont, wie wichtig dieses Projekt Seamus Heaney war: „Es ist bezeichnend, dass er sich einem so anstrengenden Projekt verpflichtete, obwohl er sich noch immer von einem schweren Schlaganfall erholte, den er 2006 erlitten hatte“ („It says much that, still recovering from a severe stroke in 2006, he committed himself to such an arduous undertaking”).

Heaney, „dessen Leben und Karriere eng mit dem Radio verwoben waren, […] schien sicherstellen zu wollen, dass seine gedruckten Worte nicht die Berührung mit ihrem stimmlichen Abdruck verlieren würden.“ („whose life and career were closely intertwined with radio […] seems to have been intent on ensuring that his printed words would not lose touch with their original vocal imprint.”) Was er uns hinterlassen hat, ist ein veritables „Audioarchiv seines Werkes“ („an audio archive of his work“).

„Sprache nach langem Schweigen“

Wie die meisten Lyrik-Aufnahmen sind auch Heaneys Studioaufnahmen als „innere Ich-Stimme“ realisiert: „Man wählt beim Einsprechen einen geringen bis minimalen Abstand zum Mikrophon“, meint Ortwin Lämke, sodass „die Stimme des Sprechers „stets in der gleichen intimen Nähe zum Ohr des Hörers verbleibt“. Das Ergebnis ist eine „raumlose Inszenierung“, so Lämke. Inmitten der Alltagskakophonie der Stimmen entspricht dieses Setting einem von Vilém Flusser ersehnten „Ernst der Geste des Sprechens“ bei der „das Sprechen sich noch als ein Brechen des Schweigens und nicht als ein Zerreden der Stille“ ausweist.

Heaney vertritt selbst eine ähnliche Ansicht, wenn er zur Charakterisierung der idealen Lyriklesung W.B. Yeats Definition von Dichtung zitiert: „Sprache nach langem Schweigen“ („Speech after long silence“). Heaney hören bedeutet also bei diesen Studioaufnahmen ein intimes Zwiegespräch mit der Stimme des verstorbenen Dichters, das einen Möglichkeitsraum jenseits des Alltags schafft. Die Besonderheiten dieser Stimme liegen nicht nur in der akustischen Interpretation der Gedichte, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, sondern auch in der ihr ganz eigenen Art – in dem, was Roland Barthes in seinem berühmten Aufsatz „Die Körnung der Stimme“ genannt hat („grain de la voix“). Ich lehne mich hier an den Übersetzungsvorschlag von Reinhart Meyer-Kalkus an: „Etwas ist da, unüberhörbar und eigensinnig (man hört nur es), was jenseits (oder diesseits) der Bedeutung der Wörter liegt, […] etwas, was direkt der Körper des Sängers ist“, so Roland Barthes 1990.

Der deutsche Lyriker Jan Wagner beschreibt Aspekte dieser „Körnung“ von Heaneys Stimme auf den CDs als „in seinem sanften, melodischen, unendlich anziehenden irischen Englisch“ stattfindend. Auch Alex Alonso betont die Sanftheit und zitiert den nordirischen Radiomoderator John Toal, der Heaneys Stimme als „ein sanftes Rollen und Surren aus Derry“ („a soft Derry burr“) charakterisiert. Ergänzend würde ich sie auch als fluide sowie reichhaltig beschreiben – wie Moorbutter.

„Nichts konnte je einander uns näher bringen“ als Lyriklesungen

Diese Eigenschaften sind auch präsent in Seamus Heaneys Lesung des schon oben zitierten, seiner verstorbenen Mutter gewidmeten „Lichtungen III“. So manifestiert sich die Sanftheit im geseufzten ‚w‘ des Wortes „weeping“. Gleichzeitig verhindert Heaney ein Abgleiten in reine Sentimentalität dadurch, dass nicht der Sprecher des Gedichts weint: Es sind „Lötzinn-Tropfen, die vom Kolben tränen“. Genauso wird das warme Strahlen seiner Gefühle für die Mutter in den hellen Vokalen von „weeping“ und „gleaming“ (in der deutschen Übersetzung zumindest angedeutet in „tränen“ und „schimmernd“) und dem daraus entstehenden Binnenreim ausbalanciert durch die harte Konsonantenalliteration von „cold comforts“, der sich im Deutschen „Magerer Trost“ allerdings nicht wiederfindet. Auf diese Weise stellt die erste Strophe des Gedichts die Intimität zwischen Sprecher und Mutter zu Lebzeiten sowohl auf bildlicher als auch auf klanglicher Ebene her, ohne sie explizit benennen zu müssen. Dies geschieht erst ganz am Ende der zweiten Strophe.

Margaret Kathleen Heaney

Hier hat der Tod der Mutter ein neues Bewusstsein für diese nun verlorene Nähe geschaffen. Dieses Bewusstsein markiert sowohl den schmerzenden Verlust als auch ein Wiederaufleben der Nähe in der Erinnerung, klanglich untermauert durch die erst hier auftretenden Reime. „Dying“ und „crying“ sowie „knives“ und „lives“ erzeugen ein Gefühl der zeitweise erreichten Ganzheit, insbesondere da das erste Reimpaar emotional eng zusammengehört und das zweite Reimpaar das lebensbejahende Kartoffelschälen mit den gelebten Leben selbst in Verbindung bringt. (Beides gelingt in den Reimen der deutschen Übersetzung, „Seite“ und „neigte“ sowie „Klingen“ und „bringen“ nur teilweise). Heaneys Lesung von „Lichtungen III“ macht durch die Präsenz seiner Stimme das „Nichts konnte uns je einander näher bringen“ („Never closer the whole rest of our lives“) bis auf die körperliche Ebene erfahrbar.

Ich werde in meinem dritten Artikel die Spur dieser Verbindung von Stimme, Klang, Tod und Trauer in ausgewählten Lesungen von Seamus Heaney weiter folgen, insbesondere mit Blick auf die ihr innewohnende beschwörende, Präsenz schaffende Kraft.