Das DA Kunstkloster Gravenhorst gehört heute zu den Aushängeschildern des Kreises Steinfurt. Mit der Übernahme der baufälligen Klosteranlage durch den Trägerverein Kloster Gravenhorst e. V. und den Kreis wurden die Bauten restauriert und erstrahlen heute in neuem Glanz. Gegründet wurde das einstige Zisterzienserinnenkloster bereits im Jahr 1256 durch den Ritter Konrad von Brochterbeck, der den notwendigen Grundbesitz zuvor vom Grafen Konrad von Rietberg erhalten hatte. Rührt aber von dieser Besitzübertragung auch der Name her?
Steckt im ersten Teil des Namens Graven- der Rietberger Graf? War Gravenhorst also ursprünglich die Horst, also ein ‚(Nieder-)Wald, Gebüsch, Gehölz, Hudewald‘ des Grafen von Rietberg? Die Annahme, dass das Bestimmungswort des Ortsnamens Graven- und Graf zusammenhängen, ist häufig anzutreffen. Doch besteht dabei ein Problem, denn in den historischen Sprachstufen des Niederdeutschen erscheint das Wort Graf nicht als grave, sondern stets als greve, grewe, greiwe. Diese Form geht auf ein altniederdeutsches grâvio zurück, bei dem das i den Umlaut von a zu e bewirkt hat, weshalb grâvio zu greve wird. Das hochdeutsche Wort Graf hingegen hat die Variante grâvo ohne i zur Grundlage, so dass das a durchgehend bis heute bestehen bleibt.
Da der Name Gravenhorst aber durchgängig ein a zeigt, grewe ‚Graf‘ im Mittelniederdeutschen aber immer ein e, kann der Graf nicht in Gravenhorst enthalten sein. Obwohl diese Erklärung also wegfällt, kommen lautlich gesehen trotzdem drei weitere Möglichkeiten in Betracht. Zum einen könnte mittelniederdeutsch grâve ‚Graben‘ enthalten sein. Gravenhorst wäre dann ein ‚Graben-Gehölz‘, also ein Waldstück, das von einem Graben durchzogen oder von einem solchen umgeben war. Der namengebende Graben könnte vielleicht dazu gedient haben, den Baum- und Buschbestand des Gehölzes etwa vor Viehverbiss zu schützen.

In Graven- könnte aber auch der Wessen-Fall (Genitiv) eines Rufnamens *Grâvo stecken. Gravenhorst wäre dann der ‚Wald des *Grâvo‘ gewesen. Ein solcher Name ist nicht belegt, allerdings ist er auch in einigen anderen Ortsnamen zu vermuten, etwa in Gravingen. Die neuere Ortsnamenforschung bringt zudem ein Wort aus dem Altenglischen zur Erklärung bei. Diese Sprache ist eng mit dem Altniederdeutschen verwandt, weshalb man vermuten kann, dass einige im Altenglischen belegte Wörter auch für das schlechter überlieferte Altniederdeutsche angenommen werden können. Infrage käme hier altenglisch graefe, grâf in der Bedeutung ‚Busch, Niederwald, Hudewald‘. Läge dieses Wort vor, wäre Gravenhorst ein ‚Wald-Wald‘ oder ‚Busch-Wald‘ gewesen und entspräche damit dem Ortsnamen Hörstel (< Horstelo), der ebenfalls aus zwei Waldwörtern – horst und lo(h) – kombiniert wurde.
Allerdings hätte dieses im Altniederdeutschen nicht überlieferte Wort eine Fortsetzung im Mittelniederdeutschen finden müssen, wo es aber nicht existiert. Somit ist anzunehmen, dass das altenglische graefe, grâf ‚Niederwald, Busch, Hudewald‘ als Einzelform nur im Altenglischen vorkam und nicht für das Niederdeutsche anzusetzen ist. Für Gravenhorst bleiben also die Erklärungen ‚Graben-Wald/-Busch‘ oder ‚Busch/Wald des *Grâvo‘. Da aber auch der erschlossene Rufname *Grâvo mit der Unsicherheit belastet ist, ob es ihn überhaupt gegeben hat, dürfte der ‚Graben-Wald / -Busch‘ die wahrscheinlichste Lösung sein. Wozu also in die Ferne schweifen …


