Malerisch und majestätisch

Die sogenannten Tausendjährigen Eichen von Ivenack sind weit über die Landesgrenzen Mecklenburg-Vorpommerns hinaus bekannt und ➤ beschäftigten uns schon einmal 2021. In diesem Jahr wurde die auch als Methusalem-Eiche bekannte und weltweit größte Stieleiche als 50. Nationalerbe-Baum Deutschlands ausgezeichnet. Anlass für Dr. Matthias Manke vom Landesarchiv Mecklenburg-Vorpommern der Frage nachzugehen, wann die imposanten Bäume erstmals ins öffentliche Bewusstsein rückten und bildlich dargestellt wurden.

Zeitgenössische Einlassungen über die auf Privatbesitz befindlichen, jedoch nicht gänzlich unzugänglichen Bäume finden sich eher spät. 1766 erwähnte der englische Reisende Thomas Nugent ebenso wie 1784 der dänische Kammerherr Friedrich von Buchwald zwar Ivenack, ohne allerdings ein Wort über die Eichen zu verlieren. Und 1803 beindruckte den Walkendorfer Prediger Johann Christian Friedrich Wundemann lediglich das „gefällige Äußere“ des Häuschens des Hirschwärters im Tiergarten, das sich „unter dem Schatten hoher Eichen und Buchen“ befand. Erstmals löste wohl der holsteinische Gutsbesitzer Ferdinand Trummer das öffentliche Schweigen der Zeitgenossen über die mächtigen Ivenacker Eichen, indem er nach einem Besuch des Ortes im Mai 1822 in den „Landwirtschaftlichen Heften“ des Jahres 1823 auf „sechs Klafter im Umfange haltenden Eichen im [Ivenacker] Thiergarten“ – ca. 11 m – zu sprechen kam.

Die nächste bekannte Erwähnung sollte gut 20 Jahre auf sich warten lassen. Erst 1843 wies Gustav Hempel in seinem „Geographisch-statistisch-historischen Handbuch des Meklenburger Landes“ auf „einige ungemein große Eichen, deren Stamm gegen 40 Fuß im Umfange mißt,“ im weitläufigen Laubholze des Ivenacker Tiergartens hin. Wilhelm Raabe, der seine 1857 publizierte „Meklenburgische Vaterlandskunde“ ausdrücklich als zweite Ausgabe von Hempels Handbuch bezeichnete, legte noch etwas drauf. Im „sehr beträchtliche[n]“ Bewuchs des Tiergartens „mit dem schönsten Laubholz“ befänden sich „einige sehr alte und ungemein große Eichen (deren dickste an der Wurzel des Stammes 42 Fuß im Umfang hält).“

Kurz zuvor, 1855, geriet Fritz Reuter in „De Reis‘ nah Belligen“ über die liebliche Oase Ivenack mit „ihre[m] vom Laube tausendjähriger Eichen umkränzte[n] Haupt“ ins Schwärmen, 1860 verewigte er sie in „Hanne Nüte un de lütte Pudel“ in Versform und ein Jahr später huldigte er ihnen in „Meine Vaterstadt Stavenhagen“. Zwischenzeitlich begeisterte sich der Neubrandenburger Gelehrte Ernst Boll während „einer Excursion nach Ivenack“: „Die schönsten Zierden jenes Thiergartens aber,“ so schrieb er 1857 im „Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte“ und gleichermaßen 1861 in seinem „Abriß der meklenburgischen Landeskunde“, „sind die sieben prachtvollen Eichen, welche zu Anfange desselben auf einem freien Platze stehen, – die schönsten und stärksten, welche ich bis jetzt nicht allein in Meklenburg, sondern in ganz Deutschland gesehen habe.“ Der holsteinische Forstbeamte a.D. Eduard Mielck griff diese Ausführungen auf und übernahm sie in seine 1863 publizierte Darstellung „Die Riesen der Pflanzenwelt“. Einig waren sich beide über das künstlerisch ausgezeichnete Motiv: „Welch ein Studium für den Landschaftszeichner böten diese malerischen und majestätischen Bäume dar.“ Und 1864 empfahl Fritz Reuter Ludwig Pietsch, der dann die „Stromtid“ illustrieren sollte, einen Abstecher von Stavenhagen „durch Wiesen, Wald und den Ivenacker Thiergarten. Da werden Sie als Maler durch die schöne Gruppierung von – meines Wissens – den größten Eichen Deutschlands belohnt werden.“

Derlei Impressionen und Anregungen wirken wie Inspiration und Auftrag für Gustav Pflugradt aus Franzensberg bei Neukalen und Theodor Martens aus Wismar. Ersterer fertigte, nachdem Theodor Schloepke bereits 1840 Ivenacker Eichen skizziert hatte, in der ersten Hälfte der 1860er Jahre einige Berühmtheit erlangende Bleistiftzeichnungen, von denen sich sechs heute ebenso wie das Schloepke-Blatt im Staatlichen Museum Schwerin befinden. Letzterer schuf 1865/66 zwei Ölgemälde, die heute wohl als verschollen gelten müssen, aber noch als Schwarzweiß-Fotografien überliefert sind. Der Literatur-Historiker Karl Theodor Gaedertz deutete 1905 in seiner Publikation „Im Reiche Reuters“ an, das ältere der beiden Gemälde sei ein (!) 1868 geschaffenes Auftragswerk des Besitzers von Gut Ivenack. Eine Fotografie davon habe der Gutsbesitzer 1871 Fritz Reuter geschenkt.

Kaum später als die überhaupt ersten visuellen Fixierungen der Ivenacker Eichen entstand deren erste fotografische Aufnahme. Ohne weitere Zu- und Einordnung veröffentlichte Friedrich Schlie sie 1902 als „die berühmten uralten Eichen“, die schon zur Zeit der Gründung des Klosters Ivenack „sehr stattliche Bäume gewesen“ sein müssen, in seinen „Kunst- und Geschichtsdenkmälern“. Erst sehr viel später erfolgte eine Datierung der Fotografie auf „um 1880“, wobei das Foto tatsächlich mindestens ein halbes Dutzend Jahre früher entstand. Es gehört nämlich in das – im Übrigen von den Ivenacker Grafen von Plessen protegierte – „Photographische Album von Mecklenburg“ des Verlages A. Mencke & Co. aus Wandsbek, das ab etwa 1867 in mehreren sogenannten Lieferungen von Einzelblättern erschien. Die Aufnahmen dafür entstanden zwischen 1865 und 1868, jedoch nicht später als 1874.