Schönheit, Monster, Schutzsymbol

Medusa gehört zu den spannendsten mythologischen Figuren der Antike. Ihre Symbolik hat sich aufgrund von vielschichtigen und ambivalenten Zuschreibungen immer wieder gewandelt – vom antiken Monster über ein apotropäisches, also unheilabwehrendes, Symbol bis hin zu einer popkulturellen Ikone der Gegenwart.

Ihr Mythos wurde seit der Antike immer wieder neu erzählt, interpretiert und verändert, wobei sowohl Geschehnisse als auch Eigenschaften hinzugefügt oder angepasst wurden. Dies zeigt sich auch in den bildlichen Darstellungen, die sich über die Jahrhunderte hinweg ebenfalls gewandelt haben. Besonders prägend für das Bild der Medusa ist dabei der Perseus-Mythos, der als vermeintlicher Held für den Mord an ihr als Monster gefeiert wird und welcher bereits in der griechischen Antike besonders beliebt war. Ihre bildlichen Darstellungen reichen von einem Monster mit schrecklichen Zügen über eine verführerische Frau bis hin zu einem traurigen Opfer.

Aber auch ihre Funktion als rein unheilabwehrendes Symbol war in der Antike weit verbreitet und ist die wohl ursprünglichste Version der Medusa. So findet sich die erste Erwähnung der Figur – und zwar in Form ihres Kopfes, also ihres Hauptmerkmals – bereits in der „Ilias“ von Homer aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. Dort bleibt Medusa zwar noch namenlos, doch Homer beschreibt die Gorgo als eine Gestalt mit einem furchtbaren Haupt, das auf dem Schild der Athene abgebildet ist. Dies deutet darauf hin, dass die Figur bereits vor Homers Werk allgemein bekannt war. Auch bildliche Darstellungen aus der Zeit davor belegen dies: Das körperlose Medusenhaupt, das sogenannte Gorgoneion, erscheint als apotropäisches Emblem auf Kleidung, Münzen und in der Architektur.

Das erschreckende Haupt der Medusa mit dem bösen, versteinernden Blick sollte also das Böse fernhalten. Ein Gorgoneion hatte somit eine Schutz- und Wächterfunktion und findet sich als architektonisches Element an Tempeln und profanen Gebäuden. Ein Beispiel dafür ist das Antefix aus der Sammlung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund. Dieses stammt aus der Stadt Tarent, datiert auf die 2. Hälfte des 4. Jahrhunderts. v. Chr. und soll von einem Grabbau stammen.

Die Entdeckung der schönen Medusa

Ein Antefix ist ein figürlich oder ornamental verzierter Ton- oder Steinziegel, der häufig in der antiken Architektur verwendet wurde. Er wurde am Dachrand von Tempeln oder Gebäuden angebracht, um die offenen Enden der Dachziegel zu verschließen. Mit der unheilabwehrenden Symbolik des Gorgoneion hatten solche Antefixe also eine doppelte Schutzfunktion. Frühere Beispiele von Gorgoneia zeigen ein fratzenartiges Gesicht mit grotesken Zügen, während das Gesicht der Medusa auf dem Antefix aus dem Dortmunder Museum menschlich und ohne erschreckende Züge, aber mit den bekannten Schlangenhaaren gestaltet ist. Es handelt sich hierbei um ein Gorgoneion des sogenannten „schönen Typus“. Denn etwa im 6. Jahrhundert v. Chr. nahmen die Gorgoneia und auch die anderen Medusendarstellungen, die im Zusammenhang mit dem Perseus-Mythos aufkamen und sie als Figur mit Körper zeigten, zunehmend menschliche Züge an und mündeten ab dem 5. Jh. v. Chr. in einem neuartigen Typus: dem der schönen Medusa.

Zum einen liegt das an der generellen Tendenz der klassisch griechischen Kunst zur Schönheit in der bildlichen Darstellung, mit der eine Neuinterpretation und Vermenschlichung von Objekten einherging. Zum anderen an der literarischen Entwicklung des Medusa-Mythos, in dem sich immer wieder Verweise auf die ambivalente Schönheit des Monsters finden. In Ovids „Metamorphosen“ wird dann schließlich die Verwandlung der schönen Medusa zum furchterregenden Monster beschrieben, nachdem sie von Poseidon im Tempel der Athene vergewaltigt wurde und von der Göttin Athene aus Zorn über den Vorfall in ein Monster mit Schlangenhaaren und tödlichem Blick verwandelt wurde.

Medusa als apotropäisches Symbol in Form von Gorgoneia wirkten bis in die Spätantike fort, während parallel dazu die Figur der Medusa generell mythisch und auch ikonographisch neuinterpretiert und weiterentwickelt wurde. Ihre Ambivalenz – Monster vs. schöne Frau, Täterin vs. Opfer – bleibt dabei bis heute erhalten. Aber auch ihre antike Schutzfunktion findet sich insbesondere in feministischen Diskursen und nicht zuletzt als Zeichen für weibliches Empowerment in Form von Tattoos wieder.