„Das Weltgericht“ (1819) machte Friedrich Schneider berühmt, doch die Christus-Trilogie (1828-38) war der eigentliche Höhepunkt seiner Oratorien-Kunst. Mit „Christus der Erlöser“ (1838) ist nun der dritte und letzte Teil auf Tonträger erschienen.
Nachdem der Herzoglich-Anhalt-Dessauische Hofkapellmeister Ende der 1820er Jahre zunächst den Mittelteil „Christus der Meister“ und dann das eigentliche Auftaktwerk ➤ „Christus das Kind“ komponiert hatte, ließ er sich fast zehn Jahre Zeit, ehe mit dem zweiteiligen Oratorium ➤ „Christus der Erlöser“ die Passionsmusik folgte. Den Text lieferte erneut Philipp Mayer, der sich wieder am biblischen Handlungsverlauf orientierte, das Geschehen aber auch diesmal dramatisch zuspitzte und aus der Sicht von Engeln, Jüngern, Propheten oder Höllengeistern kommentierte. In „Christus der Erlöser“ kommt es gar zu einer Art Solistenduell zwischen dem voreilig triumphierenden Satan und dem von Reue geplagten Judas auf der einen und Jesus, Petrus und Maria auf der anderen Seite. Kurios und/oder hintersinnig: Mayer sorgt dafür, dass beide Parteien die wegweisende Behauptung „Es ist vollbracht!“ gleich mehrfach für sich in Anspruch nehmen, ohne jenes ominöse „Es“ näher zu beschreiben.
Friedrich Schneiders Tonkunst ist in den 1830er Jahren weiter gereift. Der Wechsel zwischen den kurzen, Handlung und (Selbst)Reflexionen antreibenden Rezitativen, den erfindungsreichen, apart instrumentierten Arien und den imposanten Chorsätzen wirkt noch homogener. Kontraste werden gleichwohl scharf akzentuiert – keine 30 Sekunden Rezitativ trennen das hauchzarte Quartett „Hell strahlt des Himmels Königin“ vom höhnischen Pharisäer-Gesang „Der du den Tempel zerbrichst“. Der von Schneider vor Jahren abgesteckte musikalische Rahmen bleibt jedoch immer erhalten und wird durch verbindende Elemente – etwa den hier wiederauftauchenden Engelschor „Ehre sei Gott“ – noch einmal verstärkt.

Auch in der Besetzung begegnen wir alten Bekannten. Das Sinfonieorchester Wuppertal und die Kantorei Barmen-Germarke plädieren unter der Leitung von Alexander Lüken einmal mehr leidenschaftlich für die Wiederentdeckung eines unterschätzten und bisweilen komplett vergessenen Komponisten. Auch Dorothea Brandt, deren ausdrucksvolle Sopranstimme bereits die ersten beiden Gesamteinspielungen prägte, absolviert in „Christus der Erlöser“ erneut einen eindrucksvollen Auftritt. In den weiteren Solopartien sind Annika Boos (Sopran), Ulrike Malotta (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Thomas Laske (Bass) zu hören, der mit der wuchtig interpretierten Satans-Arie gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen setzt.
Einen ursprünglich geplanten vierten Teil mit dem Titel „Christus der Verherrlichte“ hat Friedrich Schneider nicht mehr realisiert. Doch schon die Trilogie bedeutete für ihre Wiederentdecker eine Mammutaufgabe in wissenschaftlicher und musikalisch-darstellerischer, organisatorischer und finanzieller Hinsicht. Nachdem diese Vorarbeit mit Erfolg geleistet wurde, bleibt nun zu hoffen, dass die drei Werke wenigstens hin und wieder einen Weg ins praktische Konzertleben finden. Die musikalischen Anforderungen sind nicht zu unterschätzen, bieten aber auch für erfahrene semi-professionelle Chöre und Orchester dankbare und publikumsfreundliche Aufgaben.
Friedrich Schneider: Christus der Erlöser, 2 SACDs, Ars Produktion


